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Die

Der Fragment aus dem beeindruckenden historischen Roman des ungarischen Schriftstellers Géza Gárdonyi „Die Sterne von Eger" erzählt, wie die Türken vor rund 4,5 Jahrhunderten die Stadt und den Burg kampflos eroberten. Anschließend wurde Ungarn für über eineinhalb Jahrhundert eine Sandjak, eine türkische Provinz. Die Folgen: ganze Landstriche verwüstet und niedergebrannt, schlimmer als nach den großen Pestepidemien des Mittelalters. Etwa 3 Millionen Ungarn wurden in die Sklaverei verschleppt und auf den Märkten des Orients verschachert. Noch heute kann der Ungarnreisende die Folgen sehen: Die Meisten Kirchen und Schlösser aus dem besetzten Gebieten stammen aus der Barockzeit, nach der Befreiung. Wirtschaftlich und kulturell wurden die besetzten Provinzen genau so viel zurückgeworfen, wie die Zeit der Besetzung dauerte.

Wer den Fragment liest, wird verblüffende Parallelen zu unserer Zeit finden. Man sich aber eine eigene Meinung bilden:

18

Am Nachmittag um vier Uhr war der kleine Königssohn für den Besuch angekleidet. Auf dem Hof stand eine vergoldete Kutsche bereit, die ihn in das Tal von Alt-Buda fahren sollte, wo das türkische Heerlager die Zelte aufgeschlagen hatte.

Die Königin indessen wollte ihr Kind auch in den letzten Minuten noch nicht fortlassen. Sie hielt den Kopf in beiden Händen und weinte.

"Ihr habt keine Kinder!" jammerte sie. "Ihr habt kein Kind, Frater Georgius, Podmaniczky hat keins, auch Petrovich nicht. Ihr wißt nicht, was es heißt, ein Kind in die Höhle des Tigers zu schicken. Wer weiß, ob es von dort je zurückkehrt! Balint Török! Ihr dürft mich nicht verlassen! Euch vertraue ich mein Kind an! Ihr seid Vater, Ihr wißt, wie es ist, wenn ein Elternherz um sein Kind zittert. Behütet Ihr mein Kind, als ob es das Eure wäre !"

Und als sie sagte "Ihr dürft mich nicht verlassen", vergaß sie all ihre Würde und fiel vor Balint Török auf die Knie. Flehend streckte sie ihre Arme aus.

Dieses Bild war für alle erschütternd.

"Um Gottes willen, Majestät!" rief Frater Georgius, stützte die Königin und richtete sie wieder auf.

Mit tiefbewegter Stimme sprach Balint Török: "Ich begleite das Kindchen, Majestät. Und ich schwöre:

Wenn ihm auch nur ein Härchen gekrümmt wird, so badet mein Schwert in des Sultans Blut."

Der Sultan lagerte unterhalb von Alt-Buda. Sein prächtiges, dreiteiliges Zelt war an der Stelle aufgeschlagen, wo jetzt das Kaiserbad steht. Ein Zelt war es nur dem Namen nach, in Wirklichkeit war es ein palastartiger Prachtbau aus Holz, Stoffen und Teppichen. Es war in Säle und Kabinette eingeteilt, außen glänzte es von Gold.

Gegen fünf Uhr nachmittags brach mit dem üblichen Hornsignal im königlichen Schloß die Huldigungsdeputation auf.

Voran ritt eine Schar Husaren, ihr folgten die Krieger der Magnaten, danach die rot und weiß gekleideten Pagen, die die Schätze trugen. (Als Geschenk für den Sultan brachte man die Schätze von Tamas Bornemissza, der mit den Deutschen paktiert hatte.) Dann kamen wieder ein Trupp königliche Soldaten, Palastbeamte, sonstiges Hofpersonal, dann die auserlesenen Recken der Magnaten. Schließlich die Magnaten selbst und in ihrer Mitte auf einem großen Schimmel Frater Georgius mit seiner weißen Kapuze. Schön und würdevoll nahm sich diese aus, wie sie dort neben Balint Töröks geblümtem blauem Atlasgewand weiß leuchtete. Auch die übrigen Magnaten waren bunt und farbenprächtig gekleidet, aber alle trugen sie einen flachen Kalpak, gelbe Lersen und breite Säbel. Solche Säbel mit breiten Enden waren damals Mode. Sie waren gekrümmt und nach dem Ende zu verbreitert, so, als ob der Schwertfeger die Klingen versehentlich doppelt so lang bemessen und sie dann, zur Eile gedrängt, in der Mitte durchgeschnitten hätte. Solche Säbel also trug man damals, die am Ende fast wie ein Lineal aussahen. Am Kalpak trugen die Magnaten Straußenfedern wie die Türken, manche nur eine, manche drei; die Federn waren so lang, daß sie hinten fast bis auf den Sattel hinunterhingen. Zwischen den Magnaten fuhr die sechsspännige vergoldete Kutsche des kleinen Prinzen. Zwei Hofdamen und die Amme saßen in der Kutsche. Die Amme hielt den rotbäckigen kleinen König auf dem Schoß und ließ ihn in seinem weißen Seidenkleidchen auf ihren Knien tanzen.

Je ein Page mit langem Haar und seidenem Kalpak schritt nebenher und führte die Pferde am Zügel. Hinter der Kutsche marschierte die Leibgarde mit silbernen Helmen. Und ihr folgte die lange Reihe der Offiziere, die sich bei der Verteidigung Budas ausgezeichnet hatten.

"Ihr werdet sehen, wir bekommen sogar etwas zu trinken", sagte eine helle, lustige Stimme.

"Ja, Wasser", antwortete darauf ein Baß. "Weißt du denn nicht, daß Wasser das Nationalgetränk der Türken ist?"

Sie lachten.

Gergely ritt auf einem kleinen Rotschimmel hinter Balint Török. Da sein Herr nicht gut gestimmt war, saß auch er mit erster Miene im Sattel. Aber als er den alten Cecey erblickte, hellerte sich sein Gesicht auf. Wie sonderbar saß doch der Alte auf dem Pferd! Das eine Bein, das hölzerne, hielt er steif ausgestreckt und das andere, das nur bis zum Knie von Holz war, zog er an. Die Zügel faßte er mit der rechten Hand, auch den Säbel hatte er an die rechte Seite geschnallt.

Gergely hatte ihn noch nie zu Pferde und auch nie bewaffnet gesehen; er mußte lachen.

Wirklich, der Alte war eine komische Figur, wie er sich da herausgeputzt hatte. Sein altmodischer Tuchhut mit der Adlerfeder saß ihm schief auf dem Kopf, und sein Schnurrbart - ein kleiner weißer Schnurrbart - war so spitz gezwirbelt und gewichst, wie ihn die jungen Burschen trugen. Und da der Alte vorn keine Zähne mehr hatte und seine Augen schon tief in den Höhlen lagen, sah er eher wie eine aufgeputzte Vogelscheuche als ein Ungar in Gala aus.

Gergely musste also lachen über ihn. Aber gleich darauf schämte er sich dessen, und um sein Vergehen wieder gutzumachen, wartete er, bis Cecey herangeritten war.

"Guten Tag, Herr Vater!" grüßte er ihn. "Wieso habe ich Euch nicht schon eher gesehen?"

"Ich habe mich erst hier dem Zug angeschlossen."

Er warf einen erstaunten Blick auf Gergely: "Was hast du da für ein Engelsgewand an?"

Das war in bezug auf Gergelys herrlichen Pagenanzug aus rotem und blauem Atlas und auf seinen kostbaren, mit Perlmutter verzierten Säbelgriff gesagt.

"Ich bin jetzt bei meinem Herrn Knappe", rühmte sich Gergely. "Ich begleite ihn überall, wohin er auch geht. Auch ins königliche Schloß. Und jetzt reite ich mit ihm zum Zelt des Sultans."

Er tat sich wichtig und brüstete sich damit, daß er nicht der unbedeutende kleine Junge sei, für den man ihn hielt, daß er im gleichen Kreise verkehrte wie Evi.

Auf dem Sankt-Georgs-Platz drängte sich eine Menschenmenge. In den Gassen standen Türen und Fenster offen. Auf den Dächern und Bäumen saßen fröhliche Kinder und schauten herab. Aber alle sahen nur den kleinen König an. So klein noch und schon zum König gewählt!

"Er hat genau dieselbe Kopfhaltung wie sein Vater", sagte eine Frau in einem grasgrünen seidenen Schultertuch, das ihr fast bis zu den Schuhen reichte.

"Ach, ein süßes Kindchen, zum Auffressen!" rief entzückt eine junge Frau mit feurigen schwarzen Augen. "Wenn ich es doch küssen könnte!"

Unter dem Tor leuchtete rot die dichtgedrängte Schar Balint Töröks, wohl dreihundert Mann. Alles Somogyer Burschen, der Kopf des einen ragte aus der Truppe hervor wie ein verirrter Roggenhalm aus einem Weizenfeld.

Bei ihnen angelangt, wendete Balint Török sein Pferd. Sein Säbel fuhr blitzend in die Höhe: Er gebot dem Zug Halt.

"Meine tapferen Krieger! Meine Söhne!" sprach er mit tiefer, klingender Stimme zu seinen Soldaten. "Erinnert ihr euch, daß vor knapp einem Monat hier an diesem Tor alle Magnaten und alle Soldaten mir geschworen haben, die Feste Buda weder den Deutschen noch den Türken zu übergeben?"

"Wir erinnern uns", brauste es durch die Truppe. Herr Balint fuhr fort:

"Die Deutschen haben wir geschlagen. Jetzt gehen wir ins Türkenlager zum Sultan. Gott ist mein Zeuge, und bezeuget auch ihr, daß ich im Rat diesen Auszug mißbilligt habe."

Dann wurde seine Stimme klanglos:

"Ich fühle, meine lieben Söhne, daß ich euch nicht mehr wiedersehe. Gott ist mein Zeuge, daß ich nur dem Vaterland zuliebe nachgegeben habe. Gott segne euch, meine lieben Söhne !"

Er konnte nicht weitersprechen, die Stimme versagte ihm. Als er die Hand ausstreckte, drückten sie ihm seine Soldaten, einer nach dem anderen. Die Augen aller füllten sich mit Tränen.

Herr Balint gab seinem Pferd die Sporen und sprengte zum Burgtor hinaus.

"Aber, aber, mein Sohn Balint", brummte der greise Werböczy, "wie kann man so weich werden, wozu das?"

Balint Török zuckte die Achseln. Fast ärgerlich erwiderte er:

"Ich habe oft genug gezeigt, daß ich nicht aus Butter bin."

"Nun, wen es nicht friert, der braucht nicht zu zittern."

"Wir werden ja sehen, Vater Werböczy, wer von uns die bessere Witterung hat."

Frater Georgius ritt zwischen die beiden.

"Auch wenn es der Kaiser nicht verlangt hätte", sprach er besänftigend, "wären wir hingezogen, ihm unsere Aufwartung zu machen. Mit dem Unterschied nur, daß die Königin mitgekommen wäre."

Balint Török sah ihn düster an:

"Frater Georgius, du bist ein kluger Mann, aber ein Gott bist auch du nicht. Wenn dem Menschen das Herz draußen auf dem Gewande klopfte, der Sultan würde sein Herz vor uns auch dann verbergen. "

Der Frater schüttelte den Kopf:

"Bedrängten uns die Deutschen noch, so würdest du anders sprechen. "

Die Janitscharen bildeten vom Tor bis zum Lager Spalier. Sie begrüßten die ungarischen Magnaten und den kleinen König mit so stürmischen Tschokjascha-Rufen, daß es nicht möglich war, das Gespräch fortzusetzen.

Der Zug ritt weiter durch die Farbenpracht von Soldaten und Zelten. Pferdegestank, Menschengeruch, Staub. Nach wenigen Minuten wurde die prunkvolle Gruppe der Begs und Paschas sichtbar, die zum Empfang des Königssohnes dem Zug entgegenwogte.

Hätte jemand den Aufmarsch von oben betrachtet, so wäre ihm das Ganze erschienen, als ob auf einem großen Blumenfeld zwei Reihen Tulpen in den verschiedensten Farben einander entgegenzögen. Als sie zusammentrafen, blieben sie stehen und verneigten sich, dann vermischten sie sich und zogen gemeinsam weiter, am Ufer der Donau entlang nach Norden, wo aus der Menge der Zelte ein palastartiges, dreiteiliges Zelt grün hervorleuchtete.

19

Der Sultan stand vor seinem Zelt. Sein Gesicht war wie immer rot gefärbt. Lächelnd nickte er, als Frater Georgius das dicke blauäugige Kindchen aus der Kutsche hob.

Sie gingen in das Zelt hinein.

Auch Gergely trat hinter seinem Herrn ein. Angenehm kühl war es dort drinnen, die Luft war erfüllt von Rosenduft. Der Lagergeruch, der bei der Hitze fast unerträglich war, drang dort

nicht hinein. Der Türsteher hielt die übrigen Mitglieder der Begleitung zurück.

Der Sultan hatte einen kirschroten, bis auf die Schuhe reichenden Seidenkaftan an, der über den Hüften von einer weißen Schnur zusammengehalten wurde; der Kaftan war von so leichter, dünner Seide, daß die Form der Arme sich darunter abzeichnete. Und vor diesen dünnen Armen zitterte damals ganz Europa!

Der Sultan nahm das Kind in die Arme und betrachtete es mit Wohlgefallen. Das Kind lachte und griff ihm in den Bart. Der Sultan küßte es lächelnd.

Die Magnaten atmeten erleichtert auf. Das war ja nicht der blutrünstige Soliman ! Ein gutmütiger Familienvater war das! Sein Blick war offen und sein Lächeln freundlich. Und siehe, das Kind streckte die Händchen nach dem diamantenen Stern aus, der an des Sultans Turban funkelte, und der Sultan gab ihm den Stern :

"Da, spiel damit! Du bist zum König geboren, das merkt man. "

Herr Balint und auch Gergely verstanden, was er sagte. Der Sultan wendete den Kopf und sah seine Söhne an:

"Küßt den kleinen ungarischen König!"

Die beiden Sultanssöhne küßten das Kind, beide lächelten.

Und das Kind lachte sie an.

"Nehmt ihr das Knäblein als Bruder an?" fragte der Sultan. "Gern", antwortete Selim, "es ist ja so lieb, als wäre es in Stambul geboren."

Gergely sah sich im Zelt um. Welch ein Pomp von blauer Seide! Auch auf der Erde lagen blaugeblümte dicke Teppiche. An der Zeltwand waren runde Fenster ohne Scheiben. Durch eines der Fenster konnte der Sultan auf die Margareteninsel sehen. Unten lagen längs der Wand dicke Kissen zum Sitzen.

Ins Zelt war niemand anderer eingelassen worden als die drei Magnaten: Frater Georgius, Werböczy und Balint Török. Freilich auch die Amme und außer ihr noch Gergely, den der Türsteher, wegen seiner prächtigen Kleidung wohl für den Pagen des kleinen Königs gehalten hatte. Und es waren noch die beiden Sultanssöhne, zwei Paschas und der Dolmetscher dabei.

Der Sultan übergab das Königskind wieder der Amme und betrachtete es weiterhin entzückt, klopfte ihm auf die Bäckchen und streichelte ihm das flachsblonde Haar.

"Wie schön das Kind ist, und wie gesund!" sagte er mehrmals. Worauf sich der Dolmetscher in lateinischer Sprache vernehmen ließ:

"Der erhabene Sultan hat geruht, sich dahin zu äußern, daß das Kind liebreizend wie ein Engel sei und so gesund wie eine eben erst erblühte Rose des Ostens."

"Ich freue mich, das Knäblein gesehen zu haben", sprach nun wieder der Sultan, "bringt es der Königin zurück und sagt ihr, daß ich ihm an Vaters Statt ein Vater sein und daß mein Schwert über ihm und über seinem Lande allezeit wachen werde."

"Seine Majestät der Sultan ist so glücklich" übersetzte der Dolmetscher, "als sähe er sein eigenes Kind vor sich. Er nimmt es als Sohn an und breitet die Flügel seiner weltbeherrschenden Macht über ihm aus. Sagt dies der Königin und überbringt ihr den huldvollen Gruß des erhabenen Sultans."

Der Sultan zog eine kirschfarbene Seiden börse aus der Tasche und ließ sie mit einer gnädigen Bewegung in die Hand der Amme gleiten.

Dann küßte er das Kind noch einmal und winkte ihm freundlich.

Das war das Zeichen, daß er seinen Wunsch als erfüllt betrachte und daß die Amme mit dem Kind gehen könne.

Alle waren froh und erleichtert. Die Amme rannte förmlich mit dem Kind hinaus.

Auch die übrigen verließen das Zelt.

Draußen umringten die Paschas die Magnaten überaus freundlich.

"Heute abend seid ihr die Gäste des erhabenen Sultans: Ihr werdet mit uns speisen. Auch diejenigen, die den Königssohn ins Schloß zurückführen, sollen dann umkehren und wieder hierherkommen. Die Tafel ist schon vorbereitet."

"Unsere Zypernweine erwarten euch", sagte freundlich ein junger Pascha mit dichtem schwarzem Bart.

"Und heute dürfen auch wir trinken", fügte ein ebenfalls noch junger, rothaariger Pascha fröhlich hinzu. Sein Gesicht war so voller Sommersprossen, daß man hätte meinen können, sämtliche Fliegen aus dem Lager pflegten auf seinem Gesicht zu nächtigen. Selbst die kunstvolle goldene Federspange an seinem Turban, fein gearbeitet in der Form einer Seemuschel, vermochte dieses Gesicht nicht zu verschönern.

"Begleite den Prinzen nach Hause!" rief Balint Török Gergely zu, dann verschwand er am Arm eines Paschas im Zelt.

Die Sonne war schon hinter den Budaer Bergen untergegangen, und vom Himmel leuchteten feuerrote Wolken.

Der kleine Königssohn wurde wieder in die Kutsche gesetzt.

Mit dem rechten Händchen winkte er den Paschas und Magnaten zum Abschied, dann fuhr die vergoldete Kutsche zwischen den beiden Reihen Soldaten, die wieder stürmisch ihr "Tschokjascha" riefen, zurück nach dem Budaer Schloß.

Gergely ritt hinter der Kutsche.

Cecey mit seiner hölzernen Hand war vorn bei den Alten, die Jungen ritten hinterher.

"Na, diese Türken sind ja gar nicht so schrecklich, sie achten die Ungarn, das muß man ihnen zugeben. Die Deutschen sind gemeiner. "

Man unterhielt sich gutgelaunt.

Gergely ritt hinter Zoltay und Mekcsey mit einem ziemlich dicken rötlichblonden Jüngling zusammen, dem er sich noch beim Aufbruch vorgestellt hatte.

"Bruder Fürjes", sagte er zu dem blonden Jüngling und sah ihn achtungsvoll an, "ich bin erst jetzt nach Buda gekommen, kenne hier also noch kaum jemanden."

"Was brauchst du, Freund? Ich helfe dir gern, wenn ich kann."

Er dachte, der Junge brauche Geld.

"Ich habe heute nacht um zwölf eine kleine Affäre auf dem Sankt-Georgs-Platz ... " Fürjes lächelte.

"Was für eine?"

Er glaubte, der Junge hätte ein Stelldichein mit einem Liebchen auf dem Sankt-Georgs-Platz. Deshalb sah er ihn belustigt an und schüttelte seine dichte rotblonde Mähne:

"Nun sieh mal einer an!"

"Die Sache ist nicht gerade zum Lachen, aber auch nicht sonderlich ernst", sagte Gergely.

"Eine Herzenssache also!"

"Nein: eine mit dem Säbel." Fürjes riß die Augen auf.

"Du willst dich doch nicht etwa schlagen?" "Doch, das will ich."

"Mit wem?"

Gergely zeigte auf den in grünem Atlasgewand vor ihm reitenden Mekcsey.

Fürjes blickte erstaunt drein und wurde ernst. "Mit Mekcsey?"

"J a."

"Na, hör mal, der ist ein Teufelskerl!"

"Ich bin ja wohl auch kein Lamm."

"Der hat schon Deutsche zusammengehauen!"

"Und jetzt werde ich ihn zusammenhauen!"

"Führst du den Säbel gut?"

"Ich habe schon mit sieben Jahren angefangen."

"Das läßt sich hören."

Er tastete an Gergelys Arm die Muskeln ab. Dann schüttelte er den Kopf:

"Besser, du versöhnst dich mit ihm."

"Ich mit ihm?"

Wieder schüttelte Fürjes besorgt den Kopf:

"Er schlägt dich."

"Mich ?"

Gergely warf sich in die Brust und sah nach Mekcsey, der vor ihm ritt. Dann wandte er sich wieder zu Fürjes:

"Also, nicht wahr, Ihr kommt als mein Zeuge?" Fürjes zuckte die Achseln:

"Wenn es nur das wäre, gern. Aber wenn etwas passiert. .. "

"Was kann schon passieren? Höchstens bekomme ich einen Hieb. Aber dazu gehören zwei!"

"Nun, meinetwegen. Aber ich schlage mich dann nicht für dich."

Vorn im Zug entstand plötzlich Bewegung und Murren. Unverständliche Rufe erklangen, die Pferde wurden unruhig. Alle Hälse schienen auf einmal erstarrt zu sein: Jedermann reckte den Kopf und blickte zur Burg hinauf.

Da sah auch Gergely auf.

Am Budaer Tor flatterten drei große Fahnen mit Roßschweifen. Auch an den Kirchen, an allen Türmen. Und am Tor die Turbane türkischer Wachtposten mit Hellebarden; die ungarische Wache war nicht mehr da.

"Buda ist verloren!" schrie eine gespensterhafte Stimme. Und wie der Wald bei einem plötzlichen Windstoß, so erschauerte beim Klang dieser Stimme die ganze ungarische Menschenmenge.

Cecey mit der hölzernen Hand war es, der gebrüllt hatte. Niemand erwiderte ein Wort. Alle Gesichter waren bleich.

Und das Schweigen wurde noch schauriger durch den Gesang eines Muezzins, der vom Turm der Marienkirche mit weithin schallender Stimme begann:

"Allahu akbar ... Assadu anna la ilaha ill Allah ... "

Gergely stürmte mit einem Teil der Schar im Galopp zurück ins türkische Lager.

"Wo sind die Herren? He, ungarische Herren! Eine himmelschreiende Gemeinheit ist geschehen!"

Vor des Sultans Zelt verstellten ihnen jedoch rotbemützte Bostandschis den Weg.

"Halt! Zurück! Hier dürft ihr nicht hinein!"

"Wir müssen hinein!" brüllte Mekcsey gleichsam feuerspeiend. "Oder schickt die Herren heraus!"

Die Bostandschis gaben keine Antwort. Sie hielten ihnen nur die Lanzen vor die Brust. Im türkischen Lager ging es lustig zu. Überall klang Pfeifen- und Tschinellenmusik.

Gergely schrie auf türkisch:

"Schickt Herrn Balint Török auf ein Wort heraus!" "Das geht nicht!" Und die Bostandschis lachten. Ratlos standen die Ungarn da.

"Herren!" schrie ein dickhalsiger Ungar. "Kommt hervor!

Große Not!"

Keine Antwort.

Gergely ritt in einem Bogen um das Lager und sprengte auf den Hügel mitten zwischen die Spahis: Von dort aus würde er vielleicht an die tafelnden ungarischen Herren herankommen können.

Vor einem Zelt rief ihn jemand auf ungarisch an:

"Bist du es, Gergely?"

Und er erkannte Martonfalvay.

Der saß mit zwei Türken vor einem Spahi-Zelt und ließ sich eine gelbe Melone schmecken.

"Was suchst du denn hier?" rief Martonfalvay. "Ich will zu meinem Herrn."

"An den kannst du jetzt nicht herankommen! Setz dich zu uns und iß!"

Der Schreiber schnitt eine dicke Scheibe von seiner Melone ab und hielt sie Gergely hin.

Der aber schüttelte den Kopf.

"Na, komm doch", redete Martonfalvay ihm zu. "Mit den bei den Türken hier bin ich gut Freund. Nachher, wenn die Fackeln angezündet werden, gehen wir auch hinunter, dann schließen wir uns unserem Herrn an."

"Kommen, ungarische Bruder", sagte einer von den beiden Spahis, ein stämmiger, breitschultriger brauner Mann, und winkte Gergely fröhlich zu.

"Ich kann jetzt nicht", erwiderte dieser mürrisch und ritt weiter.

In der Zeltgasse geriet er zwischen die Kanoniere, Jäger und Janitscharen. Schließlich gelangte er aber doch wieder an das Zelt des Sultans.

Auch an dieser Seite standen Bostandschis. Gergely konnte also auch hier nicht zu Balint Török hinein.

Die übrigen ungarischen Jünglinge riefen und schrien noch immer wie zuvor. Aus dem großen Zelt klang türkische Musik; es klirrten die metallenen Saiten der Kanuns, es dröhnten die vielen Lauten, und es schrillten die Pfeifen.

"Schurken!" rief Mekcsey und knirschte mit den Zähnen. Fürjes weinte fast vor Wut.

"Wäre mein Herr in der Burg geblieben, hätte das nicht geschehen können."

Er war der Page des Fraters und hielt diesen für allmächtig. Als die Musik verstummte, riefen sie wieder alle:

"Ihr Herren dort drinnen! Kommt heraus! Die Türken haben die Burg besetzt."

Aber niemand kam heraus. Der Himmel war bewölkt. Auf einmal fing es an zu regnen, und es regnete ungefähr eine halbe Stunde lang. Dann hörte der Regen auf. Die schwarzen Wolken am Himmel eilten nach Osten wie Truppen auf der Flucht.

Gegen Mitternacht endlich kamen die Herren zum Vorschein.

Die Kalpaks schief auf dem Kopf, drängten sie sich fröhlich zum Zelttor heraus. Im Lager war eine lange Reihe von Fackeln aufgestellt, die ihnen leuchteten. In einer doppelten Schlangenlinie zogen sie sich bis ans Budaer Tor hinauf. Der Regen hatte die Luft gereinigt, und der Rauch der orientalischen Fackeln verbreitete angenehmen Duft.

Jetzt stand auch Martonfalvay bei den ungarischen Jünglingen, und die Bostandschis ließen nun die Herren von draußen mit denen, die aus dem Zelt kamen, zusammentreffen.

Martonfalvay rief die Reitknechte einzeln beim Namen, und die Herren bestiegen einer nach dem anderen ihre Pferde.

Beim Fackellicht konnte man sehen, wie sich ihre geröteten Gesichter der Reihe nach verdüsterten und blaß wurden.

Frater Georgius wirkte mit seiner weißen Kapuze wie ein Gespenst.

"Heule nicht!" fuhr er den neben ihm reitenden Fürjes an.

"Die sollen uns wohl auch noch weinen sehen?!"

Einzeln, paarweise oder zu dritt trabten die Herren durch die Gasse der Fackeln zur Festung Buda hinauf.

Gergely sah Herrn Balint noch immer nicht.

Martonfalvay stand neben ihm und beobachtete ebenfalls besorgt den Zelteingang, aus dem rötliches Licht schimmerte.

Der letzte Herr, der herauskam, war Podmaniczky. Er kam heraus getaumelt, von zwei türkischen Offizieren am Arm geführt. Sie mußten ihn aufs Pferd heben.

Dann kamen aus dem Zelt noch ein paar buntgekleidete Mohren, die Diener.

Und dann folgte niemand mehr.

Am Zelteingang fiel der Vorhang. Er verdeckte auch das rötliche Licht.

"Worauf wartet ihr beiden denn noch?" fragte freundlich ein dickbäuchiger Türke mit langer Straußenfeder.

"Auf unseren Herrn warten wir. Auf Herrn Balint Török."

"Ist der denn noch nicht fort?"

"Nein."

"Dann ist das der, mit dem der erhabene Padischah spricht."

"Wir warten, bis er kommt", sagte Martonfalvay. Der Türke zuckte die Achseln und ging weg.

"Ich kann nicht mehr warten", sagte Gergely unruhig, "ich muß um Mitternacht oben sein."

"Dann geh nur, Brüderchen", erwiderte Martonfalvay, "und wenn du in meinem Bett einen Türken findest, wirf ihn hinaus."

Das sollte ein Scherz sein, aber Gergely lachte nicht. Er verabschiedete sich von Martonfalvay und ritt im Galopp den Hügel hinauf.

Der Mond war schon zwischen den Wolken hervorgekommen und erhellte die Budaer Straße.

Die Türken, die mit ihren Lanzen am Burgtor standen, warfen keinen Blick auf Gergely. Jetzt konnten Einzelpersonen noch frei aus- und eingehen. Doch wer wußte, wie es am nächsten Tage sein würde? Ob denn dann noch Ungarn die Burg werden betreten dürfen?

Toreinwärts hallten die Pferdehufe auf dem Pflaster. Auch vor den Häusern sah Gergely mit Lanzen bewaffnete Janitscharen. Vor jedem Haus stand ein Janitschar. Und auf allen Türmen flatterte der Roßschweif mit dem Halbmond. Nur auf der liebfrauenkirche stand noch das goldene Kreuz.

Gergely erreichte den Sankt-Georgs-Platz. Zu seinem Erstaunen fand er dort niemanden.

Er ritt um das Brunnenbecken und um die Kanonen herum. Niemand. Niemand. Nur ein Türke mit einer Lanze, offenbar stand er bei den Geschützen Wache.

Gergely saß ab und band sein Pferd an ein Kanonenrad. "Was machst du da?" schrie der Türke ihn an.

"Ich warte auf jemanden", antwortete Gergely auf türkisch.

"Fürchtest du etwa, ich stecke deine Kanone in die Tasche?"

"Na, na", entgegnete der Wachtsoldat freundlich. "Bist du Türke?"

"Nein, ich habe nicht das Glück."

"Dann scher dich nach Hause!"

"Aber ich habe hier heute etwas auszutragen. Es geht um meine Ehre; habe also bitte Geduld."

Da setzte ihm der Türke die Lanze auf die Brust:

"Jekel!" (Pack dich!)

Gergely band sein Pferd los und saß auf.

Vom Fejervärer Tor her kam jemand gelaufen.

Gergely erkannte Fürjes, dessen blonder Kopf in der dunklen Nacht geradezu leuchtete.

Er ritt ihm entgegen.

"Mekcsey erwartet dich in Herrn Bälints Haus", keuchte Fürjes, "komm, denn auf der Straße lassen die Janitscharen uns nicht miteinander sprechen."

Gergely stieg vom Pferd.

"Wie haben sie bloß diesen gemeinen Überfal1 fertiggebracht?" fragte er.

Fürjes zuckte die Achseln:

"Mit Falschheit. Mit heidnischer List. Während wir mit dem kleinen König unten im Lager waren, sind die Janitscharen nach und nach zum Tor hereingekommen, als ob sie sich die Gebäude ansehen wol1ten. Haben bloß herumgestanden und gegafft. Aber es kamen immer mehr und mehr. Als schon al1e Gassen vol1 Janitscharen waren, erschol1 ein Hornsignal, worauf sie al1e die Waffen hervorzogen und die Ungarn in die Häuser trieben."

"Teufelspack!"

"So ist es nicht schwer, eine Burg einzunehmen." "Mein Herr hat das vorausgesagt. .. "

Die Fenster des Palastes standen offen, und von innen leuchtete Kerzenschein. Aus einem Fenster im Obergeschoß beugten sich zwei Gestalten heraus.

Vor dem Tor wurde gerade die Wache abgelöst. Ein großer, stämmiger Janitschar verstel1te den beiden den Torweg.

"Was wol1t ihr?" fragte er auf ungarisch über die Schulter hinweg.

"Wir wohnen hier", antwortete Gergely barsch.

"Eben jetzt ist der Befehl gekommen", sagte der Türke, "hinaus kann, wer will, herein niemand!"

"Ich wohne hier in diesem Haus, gehöre zum Gefolge Bälint Töröks !"

"Dann geh heim nach Burg Sziget, mein Sohn", erwiderte der Türke höhnisch.

Gergely rol1te mit den Augen:

"Laß mich hinein!"

Und er schlug an seinen Säbel. Der Türke zog blank.

"Hund! Packst du dich gleich?!"

Gergely ließ den Zügel seines Pferdes los und zog gleichfalls den Säbel. Vielleicht vertraute er darauf, daß er nicht allein war.

Der Säbel des Türken blitzte und fuhr auf Gergelys Kopf zu. Gergely fing den Hieb auf, und sein Säbel sprühte in der Finsternis Funken. Im selben Augenblick warf er sich nach vorn und stach zu.

"Allah!" brüllte der Riese.

Alles weitere erstickte im Röcheln. Er taumelte an die Mauer.

Hinter seinem Rücken fiel krachend der Mörtel ab.

Vom Obergeschoß rief jemand herunter:

"Stoß noch einmal zu!"

Und Gergely stieß dem Türken den Säbel bis an den Knauf in die Brust.

Verwundert starrte er auf den riesigen Mann, als er sah, daß dieser den Säbel fallen ließ und wie ein Sack an der Mauer niedersank.

Gergely blickte sich um. Er suchte Fürjes. Der aber rannte, wie er konnte, auf das königliche Schloß zu.

Statt seiner kamen drei Janitscharen mit hohen Kalpaks von der anderen Straßenseite gelaufen, um dem an der Mauer liegenden Janitscharen zu helfen.

"Waj baschina ibn-el-kelb!" (Jetzt wehe dir, Hundebrut !) Gergely erkannte, daß er keine Zeit zu verlieren hatte. Er sprang auf die Schwelle und riß die Haustür auf. Geschwind verriegelte er sie von innen.

Erregt vom Kampf machte er mit zitternden Beinen noch ein paar Schritte; als er hörte, daß im Hause jemand mit Gepolter die Holztreppe heruntersprang, setzte er sich unter dem Torbogen auf die Bank. Er keuchte.

Es war Zoltay, der die Stiege herunterkam. Er hatte den Säbel in der Hand. Auf dem Fuße folgte ihm Mekcsey, ebenfalls mit dem Säbel. Die Laterne, die im Torweg brannte, beleuchtete die Gesichter der beiden ; sie waren verwundert, als sie Gergely erblickten.

"Du bist schon hier?" fragte Zoltay voll Staunen. "Bist du nicht verletzt?"

Gergely schüttelte den Kopf. "Hast du den Türken erstochen?" Gergely nickte.

"Komm an mein Herz, du kleiner Held!" rief Zoltay begeistert. "Wunderbar hast du den Hieb aufgefangen." Er umarmte ihn immer wieder.

Draußen wurde an die Haustür gedonnert.

"Macht auf ihr Hunde, oder wir verbrennen euch zu Asche!" "Wir müssen flüchten", sagte Mekcsey. "Viele Janitscharen haben sich draußen angesammelt. Aber erst gib mir deine Hand, Junge. Sei mir nicht böse, daß ich dich gekränkt habe."

Gergely streckte ihm die Hand hin. Er war wie betäubt, wußte nicht wie ihm geschah. Ohne ein Wort zu sagen, ließ er sich wegschleifen, über den Hof, eine Treppe hinauf, in ein stockfinsteres Zimmer. Er kam erst zu sich, als die beiden anderen aus Laken und Gurten einen Strick gedreht hatten. Mekcsey redete auf ihm ein, er solle als erster durch das Fenster und dann an dem Strick hinunterklettern.

Gergely blickte hinab.

Tief unten sah er den mondhellen königlichen Gemüsegarten.

21

Am nächsten Vormittag erschien Ali Aga wieder bei der Königin. Und er sprach:

"Der erhabene Padischah hält es für gut, so lange, bis dein Sohn erwachsen ist, die Festung Buda unter den Schutz türkischen Militärs zu stellen. Das Kind kann Buda nicht gegen die Deutschen verteidigen. Und der Padischah kann nicht immerzu die weite Reise hierher machen, die zwei bis drei Monate dauert. Zieh dich also nach Siebenbürgen zurück, bis dein Sohn groß ist, gnädigste Königin. Die Einkünfte der dortigen Silber- und Goldminen sowie der Salzbergwerke gehören ohnehin dir."

Die Königin war um diese Zeit bereits auf alles erdenklich Schlechte gefaßt.

Mit stiller Verachtung hörte sie dem Gesandten zu. Und er fuhr fort:

"Der erhabene Padischah nimmt also die Burg Buda und das Ungarland unter seinen Schutz; in wenigen Tagen übersendet er dir schriftlich sein kaiserliches Versprechen, dich und deinen Sohn gegen jeglichen Feind zu schützen. Sobald das Kind mündig wird, gibt er Buda und das Ungarland in seine Hände zurück. "

Sämtliche Magnaten waren zugegen, nur Balint Török und Podmaniczky fehlten. Frater Georgius war noch bleicher als gewöhnlich. Sein Gesicht unterschied sich kaum noch von der weißen Kapuze.

Der Gesandte fuhr fort:

"Die Burg Buda sowie das Gebiet zwischen Donau und Theiß kommen also unter Schutz des erhabenen Padischahs. Ihr, Majestät, übersiedelt nach Lippa und regiert von dort aus Siebenbürgen und den Landesteil jenseits der Theiß. In Buda werden zwei Statthalter eingesetzt: ein türkischer und ein ungarischer. Für die Würde des letzteren hat der erhabene Padischah Herrn Istvan Werböczy ausersehen, der Richter und Regent über die ungarische Bevölkerung der Provinz sein soll."

Verzagt und traurig blickten die Herren drein, als stünden sie nicht vor dem Königsthron, sondern an einem Sarg.

Als der Gesandte gegangen war, blieb die Stille der Trauer im Saal zurück.

Die Königin hob den Kopf und sah die Herren an. Werböczy brach in Tränen aus.

Auch über die Wangen der Königin flossen Tränen. Sie trocknete sie ab.

"Wo ist Podmaniczky?" fragte sie matt.

"Er ist fort", antwortete Petrovich wie im Traum. "Ohne Abschied?"

"Er ist geflüchtet, als Bauer verkleidet, mit einer Hacke, Majestät. So hat er sich beim Morgengrauen davongemacht."

"Ist Balint Török noch immer nicht zurückgekommen?"

"Nein."

Am folgenden Tage holten die Türken die Glocken der Marienkirche herunter. Das Altarbild rissen sie ab, und das Standbild des heiligen Königs Stephan wurde umgestürzt. Die vergoldeten und mit Bildern geschmückten Altäre schleppten sie vor die Kirche und zerschlugen sie, auch die marmornen oder aus Holz geschnitzten Engel und die Meßbücher schmissen sie hinaus. Auch die Orgel wurde zerstört. Zwei Wagen holten die Zinnpfeifen und fuhren damit ins Lager zum Kugelgießer. Auf drei weitere Wagen wurden die silbernen Orgelpfeifen, die kunstvollen goldenen und silbernen Leuchter sowie die Altarteppiche, Altardecken und Meßgewänder geladen: Dies alles wanderte zum Schatzmeister des Sultans. Die mit herrlichen Fresken bemalten Wände wurden weiß gekalkt. Vom Turm schlugen die Türken das Kreuz ab und brachten an dessen Stelle einen großen vergoldeten Halbmond aus Kupfer an.

Am zweiten September ritt der Sultan, von seinen Paschas begleitet, hinauf in die Festung. Seine beiden Söhne folgten ihm.

Vor dem Szombati-Tor erwarteten ihn die Agas in Festgewändern. Sie geleiteten ihn unter Trompetenschall in die Kirche.

Der Sultan warf sich in der Mitte der Kirche auf das Gesicht nieder: "Dank sei dir, Allah, der du deine allmächtige Hand über das Land der Ungläubigen ausgestreckt hast."

22

Am vierten September fuhren vierzig Ochsenwagen von der königlichen Burg hinunter zur Donau, auf die Schiffsbrücke.

Die Königin zog um.

Auf dem Schloßhof standen schon die Kutschen bereit, um die sich die Magnaten geschart hatten. Alle waren reisefertig. Nur Werböczy blieb in Buda, und mit ihm blieb einer seiner Lieblingsoffiziere : Mekcsey.

Gergely erblickte Fürjes hinter den Herren. "Na, Gergely", sagte dieser und lächelte herablassend, "gehst du denn nicht mit uns?"

Gergely maß ihn geringschätzig von oben bis unten:

"Wir sind nicht auf du! Dem Hasen bin ich kein Bruder." Der blonde Jüngling zuckte zusammen. Da er aber Mekcseys stechendem Blick begegnete, hob er nur die Schultern.

Hinter den Herren war auch der alte Cecey, zusammengekauert saß er im Sattel.

Gergely legte die Hand auf den Sattelknopf:

"Herr Vater."

"Guten Tag, mein Sohn." "Ihr geht auch weg?" "Nur bis Hatvan."

"Auch Eva?"

"Die Königin nimmt sie mit. Geh heute zum Mittagessen zu meiner Frau und tröste sie."

"Warum laßt Ihr Eva weg?"

"Werböczy hat uns zugeredet. Übers Jahr kommen Wir zurück, vieltausend Mann ... "

Sie sprachen nichts weiter. Das Erscheinen der Leibgarde kündigte an, daß die Königin komme.

Sie erschien im Trauergewand. Unter ihren Hofdamen war auch Eva.

Sie hatte einen leichten, nußbraunen Reisemantel mit Kapuze über die Schultern gehängt, aber die Kapuze noch nicht hochgezogen. Sie blickte umher, als ob sie jemanden suche.

Gergely drängte sich zwischen den Herren hindurch und stand plötzlich neben ihr.

"Eva ... "

"Du kommst nicht mit?"

"Ich möchte wohl. Aber mein Herr ist noch nicht zurückgekehrt. "

"Kommt ihr nach?"

"Ich weiß nicht."

"Wenn ihr nicht nachkommt, wann sehe ich dich dann wieder?"

"Ich weiß nicht."

Dem Jüngling wurden die Augen feucht.

Die Königin hatte schon im Wagen Platz genommen, es war eine breite geschlossene Lederkutsche mit Fenstern. Auch die Amme mit dem Kind saß schon darin. Sie warteten nur noch auf einen kleinen viereckigen Korb; eine Dienstmagd brachte ihn und verstaute ihn unter dem Wagensitz.

Eva gab Gergely die Hand:

"Nicht wahr, du vergißt mich nicht?"

Gergely wollte sagen: Nein, Eva, nein, nicht einmal im Jenseits.

Weil er aber kein Wort hervorbringen konnte, schüttelte er nur den Kopf.

23

Zehn Tage darauf reiste auch der Sultan ab.

Balint Török nahm er mit. In Ketten.

19.11.06 22:08
 



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