Mitblogger mit Kenntnisse der
südosteuropäischen Kulturen gesucht.



  Startseite
    Europäische Union
    Kreuzfahrer
    Literarische Texte
    Juden im Osmanischen Reich
    Armenien
    Kroatien
    Serbien
    Russland
    Byzantinisches Reich
    Ungarn
    Bulgarien
    Rumänien
    Griechenland
    Bosnien
    Sonstiges
    Zypern
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 



  Links
   Daniel L. Schikora
   parteigruendung EW
   Al Europa - Hungarian Blog
   BIRN



Google

www Blog
counter

kostenloser Counter

Map IP Address
Powered byIP2Location.com



http://myblog.de/beleidigend

Gratis bloggen bei
myblog.de





Russland

Der Stalker - ein bemerkenswerter Film



The Stalker - von Tarkovsy

Man verbindet heute den Film automatisch mit Tschernobyl, aber der Film ist acht Jahre früher entstanden, in der Tradition der siebziger Jahre.
Kybeline am 27.10.07 16:35


Tolstoi über den Staat

Der Staat, das Gemeinwesen eines bestimmten Gebietes mit guten und schlechten Gesetzen und Millionen von Bürgern mit Abermillionen von Ansichten und Meinungen; der Staat nach innen und nach außen beschränkt, stets das angeblich Gute erstrebend und das vermeintlich Böse erzielend; der Staat, der Schutz heischt von denen, denen er Schutz angedeihen läßt - dieser Staat ist von jeher der Prügeljunge seiner Bürger gewesen!

Auf das Haupt des armen Staates fallen Schmähungen und Flüche bösester Art; und der Staat ist geduldig; der Staat ist der geduldreichste Dulder ...

Mag seine Seele noch so buhlerisch und dirnenhaft, sein Hirn noch so listig und verschlagen sein -: Wenn nur sein Herz gesund ist!

Niemals wird ein Staat mit gesundem Herzen zugrunde gehen! Mag aus tiefen und tiefsten Wunden seines Organismus Blut über Blut strömen-: Ist sein Gehirn intakt, das Herz unverletzt, so wird er sich unbedingt erholen.

Der Nachbar schlägt aus Neid und Rachsucht dem Riesenorganismus tiefklaffende Wunden; der geschützte und schützende Bürger nagt aus Selbstsucht und Leichtsinn den Saft aus dem Herzen, aus dem Hirn des Staates.

Stockhiebe auf Stockhiebe fallen auf das Haupt des duldenden, aber eigensinnigen Staates, und er denkt bei sich: Du, Bürger, glaubst, mich zu schlagen, doch wirst Du selbst geschlagen; denn Du bist ein Teil von mir, wie Du ein Teil Gottes bist und wie ich ein Teil des Ganzen bin.

Zu jeder Zeit ist in jedem Staate, mag er heißen, wie er will: Dänemark oder Russland oder Frankreich oder Deutschland oder sonstwie, etwas faul gewesen. -

Tolstoi wollte zunächst das russische Riesenreich mit den vielen Labyrinthen und verwirrenden babylonischen Türmen auf rein christlicher Grundlage neu ordnen und stellte Forderungen auf, die nur der gutheißen konnte, der von heute auf morgen und in Abhängigkeit von Arbeitgebern lebte.

Tolstois ganze Liebe gehörte, wie bekannt, zunächst den Bauern und dem Arbeiter.

Die "Agrarpolitik" Lew Nikolajewitschs ist die denkbar einfachste und widerspricht der Auffassung der Gewalt-Kommunisten. Nur wer sein Land selbst bearbeitet ist wert, Land zu besitzen. Doch ist Tolstoi ein entscheidener Gegner "von all den Experimenten mit der Unveräußerlichkeit, ja sogar mit der zwangsweisen Enteignung oder mit der Übergabe des Privateigentums - all dies", erklärt Tolstoi ausdrücklich, "ist nicht lebensfähig, ist tot, erzwungen und riecht nach muffiger Spitzfindigkeit und Quacksalberei." Andere Methoden müssen angewandt werden, um dieses wichtige Problem zu lösen, jedenfalls keine
gewaltsamen -

Die Arbeiter wollte er heraushaben aus der Fabrik, in der, nach seiner Ansicht, nur für übersättigte, putzsüchtige, sündige Nichtstuer gearbeitet wird; er wollte sie auf dem Lande wissen, wo sie eher dazu kommen könnten, Gott zu dienen.

Was ihm aber an dem Staate selbst mißfiel und was er vor allen Dingen auf Grund der Lehre Christi ausgerottet haben wollte, das war die Gewalt des Staates, die dazu mißbraucht wird, daß Schwache zugunsten von Starken ausgebeutet werden, daß beide, Starke und Schwache, für ihn den Moloch Staat, Kriege führen, die schon deswegen unnütz und unsinnig sind, weil im besten Falle nur die Reichen, vor allen Dingen aber die gekrönten Häupter des Staates, den vermeintlichen Nutzen haben.

Die Gewalt wird aber auch dazu mißbraucht,, den Untertan an die Kirche glauben zu machen; darum ist nicht nur der Staat, sondern auch die Kirche nach Tolstois Ansicht ein schrecklicher Hohn auf das wahre Christentum. ...."

Abschrift aus:
"Tolstoi - Seine Weltanschauung",
Michael Grusemann,1923
Rösl & Cie/München/Leipzig
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen
vorbehalten.

Haiduk am 20.10.07 16:19


Boom und viel Platz in Königsberg

 

Unter Kaliningrad: Keine deutsche Hilfe für Übersiedler lesen wir, daß es sich Deutschland laut Christoph Bergner, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, nicht leisten kann, von Russland zu uns gekommenen Aussiedlern zu helfen, nach Kaliningrad überzusiedeln. Grund ist nicht etwas die Kassenlage, sondern die "Überalterung" bei uns.

 

Was lernen wir daraus:

 

Wenn es in der Muselrepublik Deutschland zu eng werden sollte, könnten wir immer noch ins ehemalige Königsberg ausweichenn. Dort ist noch genug Platz, es ist eine Boomregion und Deutsche sind willkommen, weil man sich noch weitergehende Wirtschaftsentwicklung erhofft!

Mag sein, daß es dort oben ein wenig windig ist, aber der Deutsche Orden hatte sich seinerzeit dort auch sehr wohl gefühlt:

Schon lange bevor der Deutsche Orden auf Grundlage der Goldbulle von Rimini ins Land kam und hier 1255 eine Burg gründete, befand sich an gleicher Stelle eine Zuflucht der Pruzzen. Ihre neue Burg nannten die Ritter zur Ehre Ottokars II. von Böhmen Königsberg. In ihrem Schutze entstanden drei Städte. 1286 die Altstadt, 1300 östlich davon Löbenicht und 1327 im Süden Kneiphof. Königsberg war Sitz eines Domkapitels, wurde 1309 Sitz des Ordensmarschalls und nach dem Verlust der Marienburg 1457 Sitz des Hochmeisters. Mit der Umwandlung des geistlichen Ordensstaates in ein weltliches Herzogtum wurde Königsberg 1525 dessen Residenz und kam durch Erbfolge 1618 an Brandenburg. (Quelle: Preussen.de - Königsberg)

Haiduk am 8.9.07 01:01


Orthodox vs. Orthodox

 

Unter Kommunistenführer bereut Kirchenverfolgung lesen wir heute, daß der russische KP-Chef Gennadi Sjuganow die von seiner Partei begangene Christenverfolgung in der Sowjetzeit nachträglich als einen "schweren Fehler" bezeichnet. Wer hätte das gedacht?

 

Sowjetstern

Bedeutet das, daß man demnächst auch darauf hoffen darf, daß die russische KP Lenin auf den Müllhaufen der Geschichte befördert? War es doch Lenin, der auf Grundsätzen wie

"Jede religiöse Idee, jede Idee von irgendeinem Gott, ja sogar jedes Kokettieren mit solchen Gedanken ist eine unaussprechliche Gemeinheit, die niederträchtigste Infektion"
Lenin, „Mysli Lenina o religii", russ. Sowjetausgabe
Der Ton in russischer Sprache ist höhnisch.

ein Schreckensregime errichtete, in dem es zum guten Ton gehörte, Gottes Herrschaft zu leugnen. Konsequent wäre eine Entsorgung Lenins also allemal. Nur würde das freilich bedeuten, daß die KP praktisch ihre ganze Geschichte, die sie als Erbe mit sich herumschleppt, aufarbeiten müßte und das beträfe dann ja nicht nur die KP, sondern indirekt ja auch den russischen Staat von heute.

Auffallend ist, daß nicht nur in der russischen KP eine Zeitenwende zu beobachten ist. Auf Drängen Putins hin fand die Trennung der beiden Orthodoxen Kirchen Russlands im April diesen Jahres nach 80 Jahren ihr Ende! Auslöser für die Trennung waren unüberbrückbare Unterschiede zwischen den in Russland und den im Exil lebenden russisch-orthodoxen Christen bei der Einordnung des Sowjetstaates:

 

Als sich nun in Rußland der antireligiöse Terror der kommunistischen Regierung steigerte und immer mehr Geistliche in Bedrängnis gerieten, vor allem aber Patriarch Tichon Loyalitätserklärungen gegenüber dem Sowjetstaat abgeben mußte, argumentierte die inzwischen unter Leitung von Metropolit Antonij (Chrapovickij) gebildete Synode der Auslandsbischöfe, die auf Einladung der Serbischen Orthodoxen Kirche in Sremski Karlovci [Karlowatz in Syrmien] in Nordserbien eine Heimat gefunden hatte, daß eine reguläre kirchliche Gewalt in Rußland nicht existiere, die so frei handeln könne, daß man ihr Gehorsam schulde. Ihrerseits legten sich die Auslandsbischöfe in politischen Fragen eindeutig auf die monarchistische Linie fest und forderten auf einem Konzil in Sremski Karlovci 1922 die Wiederherstellung des russischen Kaisertums unter dem Großfürsten Kirill Vladimirovic als Zar Kirill I.

Quelle: Geschichte der Russ. Orthodoxen Kirche in Dtl.


allein hieran zeigt sich schon, wie schwer das Joch der Sowjetherrschaft war. Doch die Tiefe der Spaltung versteht man erst, wenn man dieses hier liest


Zum endgültigen Bruch kam es 1927, als das neue Moskauer Kirchenoberhaupt Sergi zur Kooperation mit den Kommunisten aufrief. Danach brach die orthodoxe Führung im Ausland den Kontakt nach Moskau ab. Bis heute stößt die Botschaft Sergis bei einem Teil der Auslandskirche auf heftigen Unwillen. „Sünde bleibt Sünde“ empörte sich Bischof Gawriil von Manhattan über die Rechtfertigungsversuche des Patriarchats, nur auf diese Weise sei das Überleben der Kirche im Sowjetreich überhaupt möglich gewesen.

Dabei ist auch die Auslandskirche nicht frei von Sünde. Die offene Unterstützung für Hitler beim Überfall auf die Sowjetunion zählt wohl zu den dunkelsten Kapiteln der orthodoxen Kirchengeschichte. In seiner berüchtigten Osterbotschaft 1942 pries Metropolit Anastasi, zu der Zeit Oberhaupt der Auslandskirche, das „tapfere germanische Schwert“, das Kiew, Smolensk und Pskow von den Kräften der Hölle befreit habe.

Quelle: Russische Kirche: Wiedervereinigung nach 80 Jahren


da kann man nur sagen: Möge Gott es geben, daß die Wunden der Zeit verheilen, damit die Kirche des Heiligen Russlands auch in ihrem Inneren genesen kann und zu neuer Kraft kommt.

Der seinerzeit in Paris residierende Metropoliten Evlogij
Haiduk am 14.8.07 21:37


Vom nationalen Dünkel

Vom nationalen Dünkel

Aus dem Tagebuch eines Patrioten
 
Jahr 1924
 
Iwan Iljin, Zollikon 1945

Aus dem Essayband "Blick in die Ferne"

Daß der Mensch sein Vaterland liebt und seinem Volke die Treue hält, ist natürlich, würdig und gut. Wie dürfte es anders sein? Wie könnte es anders werden? Er gleicht dem Baum, der seine Erdscholle mit allen Wurzeln umklammert, aus ihr seine Nahrung holt und sie nur dann verläßt, wenn ihm die Wurzeln abgehauen werden. Er gleicht dem Sohn, der sein Bestes von seiner Mutter erhalten hat - Leben, Gesundheit und die Kraft seines Geistes - und also die Substanz seiner Mutter in sich trägt. Zwischen dem Patrioten und seinem Vaterland besteht eine geheimnisvolle geistige Identität, so daß der Patriot sein "Land" in sich trägt und das "Land" im Patrioten sein schaffendes Organ behauptet.

Jeder wahre Patriot spricht stillschweigend zu seinem Volke: "Ich bin dein. Ich bin aus deinem Schoße fleischlich und geistig enstanden. Es flammt in mir derselbe Geist, der in meinen Ahnen glühte. Mich führt dein Selbsterhaltungstrieb, derselbe, der dich durch alle Schwierigkeiten und Nöte deiner Geschichte leitete. Der Seufzer in meiner Brust ist dein Seufzer; und stöhntest du, so stöhnt es auch in meiner Brust. Durch deine Kraft bin ich selbst stark und darum dient meine Stärke deiner Sache. Ich bin mit dir zu einem Wir verbunden. Ich glaube an deine Macht und an deine schöpferischen Wege. Deine Sprache ist meine Sprache; und wenn ich schaffe, so schaffe ich nach deiner Art und Weise. Ich lebe mit dir; ich schaue und denke wie du; ich wäre so froh, alle deine Gaben und Fähigkeiten zu besitzen; und es ist nur mit verborgenem Schmerz, daß ich an deine Schwächen und Unvollkommenheiten denke. Dein Staatsinteresse ist das meinige. Ich bin stolz, mich an deinem Ruhm beteiligen zu dürfen; aber nagender Kummer spannt mir das Herz, wenn ein Unglück über dich kommt oder du darniederliegst. Deine Freunde sind meine Freunde; und deine Feinde sind die meinigen. Dir gehört mein Leben und mir gehören deine Lande. Deine treue Armee ist meine Armee und wer sich an deiner Ehre vergreift, entehrt mich selber. Ich habe dich nicht auserkoren; du hast mich in deinem Schoße ausgetragen, geschützt und erzogen; aber von dir geboren und beschenkt, habe ich dich in Dank und Demut anerkannt, und treu und frei in mein Herz eingeschlossen. So sind wir eines geworden; so sind wir lebendige Identität" ...

Wenn das Herz des Patrioten zu seinem Volke in dieser Weise wortlos redet, so hat es recht und stellt eine der bedeutendsten und schöpferisch fruchtbarsten Beziehungen des irdischen Lebens her. Und wenn der Patriot so redet und handelt, so wäre es ungerecht, ihm einen nationalen Dünkel vorzuwerfen. Denn der Dünkel ist nicht Liebe und treue Gemeinschaft, sondern Überheblichkeit; und ein Patriot braucht durchaus nicht überheblich zu sein. Der Dünkel kommt aus einer Blendung und schafft eine Illusion. Der wahre Patriotismus ist aber durchaus keine Blendung und hütet sich wohl vor irgendwelchen Illusionen: im Gegenteil, er ist berufen, realistisch zu schauen, zu werten und zu handeln. Wer realistisch schaut, der sieht die Sachen so, wie sie sind: er sieht sein eigenes Volk in seiner Stärke und in seiner Schwäche; und er sieht auch die anderen Völker in ihren Fehlern und ihren Errungenschaften. Was jeder Patriot haben muß, ist: Flamme im Herzen und nüchterner Blick, Gott behüte ihn vor Überheblichkeit und nationalem Größenwahn. Denn mit der naiven Überheblichkeit beginnt der nationale Dünkel; und im politischen Größenwahn findet er seinen katastrophalen Höhepunkt.

Liebe ich mein Volk, so will ich es richtig kennen: seinen geschichtlichen Werdegang und seine Gefahren, die Eigenart seines Characters, seine territoriale, politische und wirtschaftliche Problematik, die Struktur seines geistigen Aktes, alles - seine nationalen Tugenden und seine Laster, seine Errungenschaften und seinen Rückstand, alles, was ihm eignet, was es angeht, was ihm fehlt. Ich suche es richtig zu erkennen und gerecht zu schätzen: nichts zu verkennen, nichts zu überschätzen und nichts zu unterschätzen. Das Gute ist gut; es muß wachsen und gedeihen. Das Schlechte ist schlecht; es muß durch neue Volkserziehung überwunden werden. Habe ich mein Volk erkannt, so werde ich ihm nichts verheimlichen: ich werde das Gute rechtfertigen, damit man weiß, was zu pflegen ist; ich werde aber das Schlechte nicht verschweigen, sondern es feststellen, zeigen und schildern, seinen Gründen und Quellen nachgehen, eine Besinnung im Volk hervorzurufen suchen, eine Läuterung anspinnen, eine Überwindung anbahnen.

Die Liebe darf nicht blind sein; im Gegenteil, sie muß das Auge des Liebenden klar und weitsichtig machen. Das geliebte Volk darf nicht in naiver Weise idealisiert werden. Das braucht es auch nicht. Der wahre Dienst am Volk besteht nicht in demagogischer Verherrlichung, in Schmeichelei und nationaler Überheblichkeit, sondern vielmehr in nüchterner, sachlicher Beurteilung und im klaren Nachweis der Fehler und Mängel. Hier liegt historisch der Unterschied zwischen nationaler Demagogie und nationalem Prophetentum: der Demagoge ist Brunnenvergifter und der Prophet ist Erzieher. Die Erziehung führt aber nicht zum blinden Dünkel, sondern in der Richtung der Bescheidenheit, der Besinnung und der Demut.

Somit beginnt der nationale Dünkel da, wo das Volk im primitiven Selbstbewußtsein stecken bleibt und wo auch seine Propheten, Ideologen und Erzieher dieses primitive Selbstbewußtsein nicht zu überwinden verstehen.

Das primitive Selbstbewußsein besteht darin, daß der Mensch durch seine Selbstwahrnehmung gefesselt wird und es nicht weiter bringt. Das, was er in sich selbst und als zu sich gehörend wahrnimmt, scheint ihm dermaßen wichtig und vollendet zu sein, daß er über diese Grenzen hinaus nicht mehr will. Das Eigene nimmt seine Aufmerksamkeit und Liebe in Anspruch. Sein Ich wird ihm zum lebendigen und einzigen Zentrum seiner Lust, seines Wollens, seiner Mühe und Freude; an der eigenen Realität zweifelt er nicht, das Übrige wird ihm mindestens problematisch und unwichtig. Es geht ihm etwa so, wie bei Andersen der alten Ente und der alten Katze, die hinter dem warmen Ofen kauerten und sich selbst für die halbe Welt und zwar für die beste Hälfte der Welt hielten. Darus entsteht im Alltagsleben ein lästiger Egoismus; der Psychopathologe hätte hier von "Autismus" und "Autoerotismus" gesprochen; der Philosoph hätte die Begriffe "Egozentrismus" und "Solipsismus" zur Anwendung gebracht; im sozialen Leben entsteht daraus eine engherzige Klassenpolitik, und im Völkerleben - nationaler Dünkel.

Der Mensch mit primitivem Selbstbewußtsein empfindet wohl die "eigene Haut", versteht aber aus der eigenen Haut in die fremde nicht zu fahren. Zuweilen ahnt er auch nicht, daß es überhaupt möglich ist und wie man es beginnt. Er ist naiv in seinem Egozentrismus. Sein "Ego" ist ihm alles; seine Welt, sein Hort, sein Ziel, sein Stolz. Einfühlung in andere Menschen und Völker übt er nicht; wozu täte er das auch? Darum weiß er auch so wenig von Nachempfinden, von Mitleid, von Takt und schließlich auch von Rücksicht. Er ist die Hauptursache im Leben und in der Welt; das Übrige ist unwichtig. Das Übrige bildet nur das Mileu, in dem er glänzt. Das war nämlich die grundlegende Idee von Max Stirner, diesem unnaivem Apologeten des amoralisch-praktischen Solipsismus, als er den "Einzigen und sein Eigentum" predigte; und wenn man sein Buch aufmerksam zu Ende gelesen hat, so staunt man über den vollständigen Mangel an Selbst-Humor (humor sui), den das Buch aufzeigt.

Etwa so geht es auch dem Volk mit primitivem Sebstbewußtsein: es verfällt dem nationalen Dünkel, in dem zugleich Naivität und Anmaßung zum Vorschein kommen. Der nationale Dünkel entsteht aus dem Gefesseltsein durh das Eigene. Einmal entstanden, schöpft er seine Kraft aus zwei gesunden, aber bei Rücksichtslosigkeit gefährlichen Trieben: aus dem Selbsterhaltungstrieb und dem Geltungstrieb. Der Selbsterhaltungtrieb gibt dem nationalen Dünkel den Schwung und dem Stoff seiner Anmaßung; der Geltungstrieb entstellt seine Wert-Urteile und treibt ihn in die Überheblichkeit. Daraus erwächst eine gewaltige Selbstüberschätzung und eine Unterschätzung anderer Völker. Die anderen Völker scheinen dem Dünkelhaften wenig wert zu sein: entweder sind sie eine Wiederholung seiner, dann sind sie überflüssig und brauchen nicht selbständig zu bleiben; oder aber sind sie Völker niedrigeren Ranges, dann dürfen sie dem erstrangigen Volk nicht im Wege stehen. Jedenfalls ist seine Einfühlung in das Leben und Schaffen des Anderen nicht angebracht, nicht zu empfehlen, denn sie wäre so viel, wie "Verrat" an dem eigenen. Die anderen Völker sind nicht mehr als Forschungsobjekt und zwar für den Fall der heranreifenden Unfreundlichkeiten; sie sind jedoch durchaus keine lebensberechtigten und selbständigen Subjekte, die zum freien Umgang geschaffen sind. Daraus entsteht eine eigenartige Unkenntnis der anderen Völker, eine Verständnislosigkeit, eine Anhäufung von Illusionen und von diplomatischen Fehlern, was wiederum den nationalen Dünkel stärkt und steigert.

Auf diese Weise wird alles überheblich und anmaßend: die Liebe zum Vaterland, der Stolz auf die großen Schöpfer der nationalen Kultur, die Wertung der eigenen Volkskraft, die Beziehung zu den umgebenden Völkern. Wenn aber auch die Erzieher und Propheten des Volkes von diesem Dünkel ergriffen werden, dann kann die Überschätzung zu einem richtigen Größenwahn auswachsen; und es fehlt dem Volk und seinen Erziehern an mäßigendem und läuternden Selbst-Humor, so rollt der Karren des Dünkels unaufhaltsam einer Katastrophe entgegen. Dann bildet sich die traurige Lehre vom historischen Hauptvolk und seiner Weltmission. Und vor diesem Hauptvolk stehen die übrigen Völker als eine Reihe von lästigen Hindernissen oder von geschichtlichen Mißverständnissen da ... -

In Wirklichkeit aber ist die Menschenwelt mit einem Garten Gottes zu vergleichen. Wohl weiß der ewige Gärtner, welche Blumen, wann und wo er gepflanzt hat und in der Zukunft noch pflanzen wird. Seine hohen Pläne hält er aber geheim und gestattet uns keinen Einblick in seine Absichten. Und jedes Volk, als Blume Gottes, hat Sorge zu tragen, daß seine Blüte am besten ausfalle und seine Gärtner mit schönstem Duft preise. Aber keine Blume hat irgend einen Grund, sich für die Hauptblume des göttlichen Gartens zu halten und die anderen Blumen zu verachten und zu überwuchern.

Es ist uns vorenthalten zu wissen, ob es wirklich in diesem Welt-Eden Hauptblumen zum Wuchern und wertlose Blümchen für den Misthaufen der Geschichte gibt. Sicher ist jedoch, daß eine wirkliche Hauptblume Gottes dem Dünkel nicht verfallen wird und daß eine überhebliche Blume kein Wohlgefallen finden kann.
Haiduk am 14.8.07 01:35





Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung